Nachrichten zum Buch II

 

Sparkassen-Beratung mit Psychotricks (07.12.2010)

Wer als Kunde einem Anlageberater der Hamburger Sparkasse (Haspa) gegenübersaß, konnte bis vor kurzem nicht ahnen, mit welchen Tricks sein Kundenberater genau zu wissen glaubte, wie er ihm bestimmte Anlageprodukte verkaufen musste. Dem Banker genügte dazu ein Blick auf ein bereits vorgefertigtes psychologisches Profil, das jeden einzelnen Haspa-Kunden in sieben verschiedene Typenklassen vom „Abenteurer” bis zum „Bewahrer” unterteilte und genau beschrieb, wie die Sparkassenkunden für den Verkaufserfolg jeweils optimal anzusprechen sind. Inzwischen wurden die psychologischen Kundenprofile nach Bekanntwerden der zweifelhaften Verkaufsmethoden zwar gelöscht. „Doch werfen die Psychotricks ein treffendes Licht darauf, wie Banken bei der Kundenberatung ticken”, so der Düsseldorfer Anlegeranwalt Julius Reiter. Bezeichnend sei, dass die Kunden von der bereits bestehenden Einschätzung ihrer Risikobereitschaft im Anlagegespräch nicht in Kenntnis gesetzt wurden. Hier ginge es nicht um faire Einschätzung der Anlageinteressenten, sondern allein darum, aufgrund bereits vorliegender Bankeneinschätzung und Persönlichkeitsprofilen, Kunden zu bestimmten Produkten zu überreden. Dass eine solche Verkaufspraxis in bankinternen Schulungsunterlagen vermittelt wurde, so Reiter, sei „schlichtweg ein Skandal”.

Die Schulungsunterlagen besagten zum Beispiel, dass der „Abenteurer” unter den Kunden stark emotional angesprochen werden sollte, „da er seine Entscheidungen impulsiv trifft”. Bei dem „Bewahrer” durfte der Berater im Gespräch auch als Freund der Familie auftreten. Bei dem „Disziplinierten” sollten Rechenbeispiele „bis zur dritten Stelle hinter dem Komma” durchgeführt werden. Der „Genießer” wiederum sollte mit wohlgeformten Begriffen auf ein bestimmtes Anlageprodukt eingestimmt werden. Für jeden Typus wurden zudem Schlüsselwörter identifiziert, die in der Beratung eingesetzt wurden. „Qualitativ hochwertig” und „leistungsstark” lauteten beispielsweise die Schlüsselwörter für den „Performer”. Und gelockt werden sollte er dann zusätzlich auch noch mit dem diskret anmutenden Hinweis, dass bestimmte Produkte „nur unseren Topkunden” angeboten werden.

Für den auch auf Datenschutz spezialisierten Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht Julius Reiter hat die jetzt aufgedeckte Verkaufspraxis auch noch eine datenschutzrechtliche Dimension. So sei zu prüfen, ob die Sparkasse nicht gegen bestehende Gesetze verstoßen hat. Das sei der Fall, wenn das Kleingedruckte zwar eine Datenverwendung erlaube, aber die Psycho-Klassifizierung nicht deutlich genug in der Datenschutzerklärung steht und damit nicht vom Zweck der Datenerhebung umfasst ist.

 

Banken nötigen Kunden zu Protokollunterschriften (02.08.2010)

Seit Jahresbeginn müssen Banken ihre Anlageberatung protokollieren. Damit sollen Kunden vor Falschberatung geschützt zu werden. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus, weil Banken und Finanzdienstleister gesetzliche Vorschriften schlicht ignorieren. So wird immer häufiger berichtet, dass Bankberater Kunden nötigen, Beratungsprotokolle zu unterschreiben, obwohl die Unterschrift weder für das Zustandekommen des Anlagegeschäfts noch für die ordnungsgemäße Beratung erforderlich ist. Denn offiziell muss nur der Berater das Protokoll unterschreiben, nicht aber der Kunde. Dass Kunden zur Unterzeichnung des Beratungsprotokolls veranlasst werden, ist besonders skandalös, weil nach Untersuchungen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) mehr als zwei Drittel aller Beratungsprotokolle unzulänglich sind. Sie lassen keine Rückschlüsse auf den tatsächlichen Ablauf des Beratungsgesprächs zu. Die Risikoeinstufungen sind allgemeiner Art und geben keine Auskunft über die tatsächliche Risikobereitschaft des Kunden. Oft erfolgt eine willkürliche Einstufung in Risikoklassen. Dies geschieht beispielsweise durch nachträgliche Abänderung der Risikoklasse oder die angekreuzte Textvorgabe: „Auf eigenen Wunsch weicht der Kunde bei dieser Anlage vom ermittelten Risikoprofil ab”.

Diese Erkenntnis hat jetzt auch Verbraucherschutzminister Ilse Aigner (CSU) auf den Plan gerufen: „Die Banken und die Finanzdienstleister haben anscheinend die Finanzkrise und den daraus entstandenen Vertrauensverlust vergessen. Sonst würden sie alles tun, damit die Kunden wieder Vertrauen fassen”, sagte Aigner dem Hamburger Abendblatt. Mangelhafte oder fehlerhafte Protokolle seien garantiert der falsche Weg, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Viele Banken glaubten noch immer, sie könnten die Wünsche und Vorstellungen ihrer Kunden ignorieren, sagte die Ministerin weiter. Es könne nicht sein, dass gerade in den Beratungsgesprächen gesetzliche Vorgaben teilweise bewusst umgangen werden.

Die Hauptschuld an der Misere trügen allerdings nicht die Berater, sondern die Vorgaben der Banken-Leitungsebene, so die Ministerin. Aigner forderte die Banken auf, ihre bisherigen Protokollvorgaben zu überprüfen. „Vordrucke, die den gesetzlichen Mindestanforderungen nicht entsprechen, lediglich vorformulierte Textbausteine enthalten und keinen Platz für die tatsächlichen Bedürfnisse des Kunden zulassen, gehören aus dem Verkehr gezogen”, sagte sie dem Hamburger Abendblatt.

Nach Ansicht Aigners muss auch die BaFin ihrer Kontrollpflicht intensiver nachgehen. „Die BaFin muss den Finger auf die Wunde legen und die Banken und Finanzdienstleister stärker kontrollieren”, forderte die Ministerin. „Außerdem sollte sie Vorgaben machen, die die Qualität der Beratungsprotokolle verbessern. Das könnte durch Rundschreiben geschehen”, schlug Aigner vor.

Dem Düsseldorfer Rechtsanwalt Julius Reiter von der Kanzlei Baum, Reiter & Collegen reichen die Mahnungen der Verbraucherministerin allerdings nicht aus. Er sieht auch Fehler im Ministerium selbst. Reiter: „Solange der Gesetzgeber keine Standardisierung verbraucherfreundlicher Protokolle vorgibt und auf Freiwilligkeit setzt, werden Banker und Finanzdienstleister immer wieder versuchen, die Protokolle so zu verwässern, dass ihnen keine Haftungsansprüche wegen Falschberatung entstehen können.” Statt die Branche ständig zu mahnen und zu rüffeln, sollten die gesetzlichen Vorschriften entsprechend geändert werden. Der Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht: „Der Gesetzgeber sollte beispielsweise einen Bußgeldkatalog für verbraucherfeindliche Maßnahmen verabschieden, wobei die damit verbundenen Geldstrafen den Instituten richtig wehtun. Nur das trifft die Branche am richtigen Nerv.”

 

Wie Beratungsprotokolle bei der Geldanlage manipuliert werden (09.07.2010)

Wie Banker Beratungsprotokolle bei der Geldanlage bisweilen manipulieren, um eventuellen Haftungsansprüchen bei einer Falschberatung zu entgehen, berichtet die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. In einem aktuellen Beitrag für die Fachzeitschrift „BÖRSE ONLINE” beschreibt Niels Nauhauser, Referent für Altersvorsorge, Banken und Kredite, einen Fall, der die Möglichkeiten der Protokollmanipulation schonungslos offenlegt.

Danach hatte sich eine Bankkundin, die ein Depot mit Wertpapieren im Wert von 60.000 Euro geerbt hatte, von einer Bank zwecks einer für sie geeigneten Anlage beraten lassen. Im Beratungsprotokoll steht, dass die Erbin aus unselbstständiger Tätigkeit ein Einkommen in Höhe von 300 Euro und aus einem Nebenjob von 800 Euro monatlich erhält. Der Verbraucherzentrale teilte die Verbraucherin hingegen mit, dass sie arbeitslos sei und Hartz IV beziehe und dies auch dem Berater gesagt habe. Den im Protokoll genannten Nebenjob habe der Berater nach Angaben der Verbraucherin frei erfunden, so Nauhauser. Der Bankangestellte hätte im Gespräch sogar zugegeben, dass er als Beruf „arbeitslos” nicht eintragen könne. Denn sonst passe der Inhalt des Depots nicht zur Verbraucherin. Außerdem könne er die Angabe „arbeitslos” aufgrund von Anweisungen und der internen Revision so nicht protokollieren.

Laut Protokoll hatte die Erbin einen monatlichen Überschuss von 100 Euro. Tatsächlich aber belastete sie ein monatliches Defizit von 700 Euro, so Nauhauser. Daher brauchte sie das Erbe, um über die Runden zu kommen und wollte bei der Geldanlage keinerlei Risiko eingehen. „Diesen Wunsch konnte der Berater, selbst wenn er es wollte, nicht protokollieren”, schreibt der Verbraucherschützer. Denn bei der Angabe der Risikobereitschaft hätten nur fünf Antwortmöglichkeiten zur Wahl gestanden. Danach hatte die Verbraucherin selbst in der sichersten Variante eine „Toleranz gegenüber geringen Kursschwankungen”, so Nauhauser. Im Protokoll wurde schließlich die zweitsicherste Option angekreuzt. Die Einstufung habe der Berater damit begründet, dass er der Kundin sonst keine „Floater” empfehlen könne. Das sind Anleihen, deren Verzinsung mit dem Marktzins schwankt. Weiter protokollierte der Berater, dass die Erbin bereits Erfahrungen mit Investmentanteilen hätte, was nach Angaben des Verbraucherschützers tatsächlich nicht stimmte. Schließlich hätte das Beratungsgespräch „mit der bahnbrechenden Empfehlung” geendet, das Depot im Wesentlichen beizubehalten. Weder diese Empfehlung noch ihre Begründung wurden dokumentiert. Stattdessen stünde im dafür vorgesehenen Abschnitt ein schlichtes „Entfällt”.

Dass immer wieder solche „Beratungen” stattfinden, bestätigt der Düsseldorfer Anlegeranwalt Julius Reiter. Die heute kursierenden Kundenfragebögen und Beratungsprotokolle dienten vor allem der Absicherung der Bank. Der zusätzliche Skandal an dem von der VZ Baden-Württemberg beschriebenen Fall sei, dass die Manipulationen von der Bank per persönlicher Direktive an die Kundenberater mit dem Ziel vorgegeben wurden, die eigene Haftung bei einer Falschberatung auszuschließen. Dies deutet auf bewusste und systematische Manipulationen der Beratung hin.

Weitere Beispiele für den „schamlosen Umgang mit Kunden” sind aus in sich widersprüchlichen Protokollen ersichtlich, mit denen sich zum Beispiel die ehemalige Citibank (jetzt Targo-Bank) in den vergangenen Jahren beim Verkauf von angeblich sicheren Lehman-Zertifikaten auch heute noch aus der Haftung zu stehlen versucht. „Die Beratungsdokumentationen sind aber nicht nur bei Banken, sondern auch bei Strukturvertrieben und anderen Anlageberatern häufig das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben sind”, so Reiter. Wie die Verbraucherzentralen fordert der Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht sowie Buchautor* eine einheitliche und standardisierte Dokumentationspflicht, die alle Risiken und Kosten schonungslos offenlegt. Käme es zu einem Streit um eine anlegergerechte Beratung, müsse allerdings bislang immer noch der Kunde beweisen, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Umgekehrt wäre es richtig, dass die Bank den Entlastungsbeweis über die ordnungsgemäße Beratung führen müsste. Fachanwalt Reiter: „In dieser Frage lässt sich Verbraucherministerin Ilse Aigner immer noch von den Fairnessbeteuerungen der Bankenlobby einlullen.” Der Gesetzgeber sollte mit einer Beweislastumkehr endlich Nägel mit Köpfen machen.

* Gerhart Baum, Julius Reiter, Olaf Methner „ABKASSIERT – Die skandalösen Methoden der Finanzbranche”, Rowohlt 2009, ISBN 978-3-498-00662-4

 

Die schamlose Gier der Banken wächst (06.07.2010)

Seit Jahren mahnt der Bundesgerichtshof (BGH) Banken und Sparkassen, ihre variablen Kreditzinsen auf Girokonten nicht nach Gutsherrenart anzupassen. Doch geschehen ist wenig. „Vor allem bei den Zinssätzen für Kontoüberziehungen haben sich viele Geldhäuser bislang nicht um diese Rechtsauffassung geschert”, kritisiert Arno Gottschalk, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bremen. Während Banken an ihre Sparkunden das niedrige Zinsniveau vollständig weitergeben würden, passten sie ihre Kreditzinsen nur unzureichend an solche Zinssenkungen an. Das beweist als Vergleichsmaßstab die Entwicklung des Drei-Monats-Euribor. Dies ist der Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. Ergebnis laut VZ Bremen: Seit Oktober 2008, also nach Ausbruch der akuten Finanzkrise, ist der Drei-Monats-Euribor um über vier Prozentpunkte gefallen. Die Zinssätze für Überziehungskredite sanken im selben Zeitraum aber gerade mal um durchschnittlich 1,7 Prozentpunkte. In den Jahren 2003 bis 2006 lag der Abstand zwischen dem durchschnittlichen Überziehungszins und dem 3-Monats-Euribor ziemlich konstant bei knapp acht Prozentpunkten. Heute ist er auf 9,3 Prozentpunkte gestiegen.

In welchem Ausmaß dabei Bankkunden geschröpft wurden, zeigen folgende Zahlen der Verbraucherzentrale: Bei einem Kreditvolumen von über 40 Milliarden Euro allein im Zeitraum von Dezember 2008 bis April 2010 erlitten Bankkunden wegen überhöhter Dispo- und Überziehungszinsen einen finanziellen Schaden von 777 Millionen Euro. Als besonders kundenunfreundlich aufgefallen sind dabei nach Recherchen der VZ Bremen die Santander Consumer Bank und die Targo-Bank (ehemals Citibank). Die beiden Geldinstitute verlangen nicht nur die mit Abstand höchstens Zinssätze für eingeräumte Überziehungen. Sie halten es auch nicht für nötig, ihre Zinssätze auch nur um einen Promille an das stark gesunkene Zinsniveau anzupassen. „ Noch schlimmer erwischt es Kunden der Commerzbank”, mahnt Gottschalk. Das Institut, das nur mit milliardenschweren Hilfen des Steuerzahlers vor der Pleite gerettet werden konnte, kennt gegenüber Kunden, die infolge finanzieller Engpässe den eingeräumten Dispo überziehen, kein Mitleid. Sie verlangt effektiv 20,1 Prozent Zinsen. Und damit nicht genug: Für jeden Zahlungsvorgang über 100 Euro kassiert die Commerzbank im Überziehungsfall noch einmal fünf Euro zusätzlich.

Für den Verbraucheranwalt Julius Reiter von der Düsseldorfer Kanzlei Baum, Reiter & Collegen ist „nicht nur das Bankenverhalten skandalös”. Mit dem seit 11. Juni 2010 geltenden neuen Kreditrecht drohe zudem die Gefahr, dass die Bankenabzocke sogar festgeschrieben wird, ist sich der Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht Reiter mit dem Finanzexperten Gottschalk einig. Mit der Umsetzung der neuen Kreditrichtlinie sollen Banken zwar einen überprüfbaren Referenzzinssatz benennen. „Gleichzeitig schicken sie sich aber an, die Pfründe ihrer unzureichenden Zinsanpassungen dauerhaft zu sichern” so Gottschalk. Nachdem sie jahrelang die Einführung eines Referenzzinssatzes verweigert hätten, wollten sie jetzt den aktuellen Rekordabstand zwischen den Geldmarktzinsen und den Dispo-Zinsen für die Zukunft festschreiben. „Es besteht akuter Handlungsbedarf, es soweit nicht kommen zu lassen” findet auch Anwalt Reiter und fordert: „Der Gesetzgeber muss der schamlosen Gier der Banker endlich einen Riegel vorschieben. Die Höhe der Dispo- und Überziehungszinsen ist generell zu begrenzen.”

 

Versicherer verschleiern gesetzeswidrig Kosten der Altersvorsorge (21.05.2010)

Die Kosten von Versicherungsverträgen sind trotz verschärfter Gesetzesvorschriften weiterhin undurchsichtig. Das zeigt eine 300 Seiten starke Studie des Berliner Instituts für Transparenz in der Altersvorsorge. Kriterien der Untersuchung waren, ob die Angaben in Produktinformationsblättern zur Basis-Rente – auch Rürup-Rente genannt – inhaltlich richtig, übersichtlich, verständlich und hinreichend knapp gefasst sind. „Wir haben auch nach der Reform des Versicherungsvertragsgesetzes vor zwei Jahren absolut keine Kostentransparenz bekommen. Deshalb kann der Kunde Produkte nicht anhand ihrer Kosten vergleichen”, zitiert FAZnet den Studienautor Mark Ortmann. Die neuen Beipackzettel zu den Rürup-Renten hielten sich nicht an die Vorgaben des Gesetzgebers.

Für die Untersuchung hatte das Berliner Institut Rentenversicherungstarife der 50 größten deutschen Lebensversicherer miteinander verglichen und Informationsblätter von insgesamt 108 Tarifen für Basis-Renten unter die Lupe genommen. Erschreckendes Ergebnis: Kein einziges Formular erfüllt die Vorgaben aus der Versicherungs-Verordnung vollständig. Von den Angaben zu den Abschlusskosten seien 8 Prozent nicht richtig, 15 Prozent unverständlich und 85 Prozent nicht knapp genug. Laufende Kosten würden versteckt oder müssten von den Kunden zusammengerechnet werden. Fachbegriffe erschwerten das Verständnis, so die Studie. In der Ursachenanalyse stellt Ortmann fest, die Unternehmen verschleierten Kosten teilweise sogar bewusst. Dort heißt es: „Der Markt ist so umkämpft und der Wettbewerb so intensiv, dass es schwer ist zu bestehen.” Vermittler müssten daher mit höheren Provisionen von den Produkten überzeugt werden. Diese Zusatzkosten sollten für die Kunden nicht transparent sein. Eine Mitschuld an der Intransparenz trage allerdings auch der Gesetzgeber, der den Versicherern zu große Spielräume gelassen habe, kritisiert die Studie weiter. So müssten beispielsweise Kapitalanlagekosten noch nicht einmal zwingend angegeben werden.

„Die Studienergebnisse zeigen unmissverständlich, dass sich alle untersuchten Versicherungen wenig um Verbraucherinteressen scheren und ihre Kunden augenscheinlich bewusst darüber im Unklaren lassen, wie teuer ihre Altersvorsorge tatsächlich ist”, warnt der Düsseldorfer Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht Julius Reiter. Wenn Versicherungsunternehmen ihre Kunden bei den Kosten bewusst in die Irre führten, müsse der Gesetzgeber handeln. Reiter fordert daher einheitliche Beipackzettel für jede Produktart, die „ausnahmslos alle, genau definierten Kosten in Euro und Cent mit einheitlichen Beispielrechnungen benennen”. Nur dann sei ein Vergleich verschiedener Altersvorvorsorge-Angebote überhaupt möglich, wiederholt Julius Reiter Forderungen, die er bereits mit seinen Co-Autoren Gerhart Baum und Olaf Methner im aktuellen Buch „Abkassiert- Die skandalösen Methoden der Finanzbranche” – erhoben hat. In dem mit viel Lob von der Wirtschaftspresse bedachten Werk enthüllen die Autoren anhand diverser Beispiele, mit welch miesen Tricks viele Versicherungen und Banken ihre Kunden benachteiligen.

Immerhin scheint sich inzwischen etwas im Hinblick auf Produkttransparenz zu ändern. Für Banken hat Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner die Forderung nach mehr Transparenz bereits aufgegriffen und will den Instituten genaue Vorgaben machen, wie die Produktinformationsblätter auszusehen haben. Verbraucheranwalt Reiter: „Das genügt aber noch nicht. Die Beipackzettel aller Anbieter von Finanzprodukten – also auch von Versicherungsunternehmen – gehören auf den Prüfstand.”

 

weiter